Zwischen Punkt, Strich und Duktus
Markus Wilfling
auf Anfrage zugänglich
Willy-Brandt-Gesamtschule und FOS Nord für Sozialwesen und Gesundheit, Freudstraße 15, 80935 München
Skulptur Die Unterschrift des Willy Brandt: Aluminium pulverbeschichtet, Neonröhren, Acrylglas, 740 × 110 × 10 cm
Skulptur Synonym für eine Strecke von einer Fläche zu einem Punkt: Holz, Ölfarbe, Stahl, L: 1600 cm, Ø oben: 25 cm
Skulptur Signaturendrehscheibe: Edelstahl elektropoliert, Ø: 200 cm, Breite: 15 cm
Architektur: HASCHER JEHLE Architektur, Berlin
Landschaftsarchitektur: mk.landschaft, München
Fotos: Peter Neusser
Text: Mag. Martin Behr
Die Unterschrift, dieses Abbild einer Persönlichkeit, steckt in der Krise. Die qualifizierte elektronische Signatur und die digitale Signatur konkurrenzieren den handschriftlichen Namenszug, verfügen auch über Rechtsgültigkeit. Die Ära, in denen Merkmale der Unterschrift – etwa Lesbarkeit, Neigungswinkel und Größe der Buchstaben – auf Aspekte der Persönlichkeit haben schließen lassen, geht allmählich zu Ende. Auch das Autogramm wird zunehmend durch ein Bilddokument, das Selfie mit dem Star, verdrängt. Just in einer Zeit des Siegeszuges der Digitalisierung rückt der österreichische Künstler Markus Wilfling die eigenwillige Unterschrift des deutschen Bundeskanzlers Willy Brandt (1913-1992) in den Fokus: Er platziert in seinem dreiteiligen Kunstbeitrag für den Neubau der Willy-Brandt-Gesamtschule (WBG) mit der Fachoberschule für Sozialwesen und Gesundheit München Nord (FOS) die Signatur in weißer Neonschrift auf dem Vordach des durch Glas und blaue Stahlelemente geprägten Haupteingangs und bringt die Unterschrift des Namensgebers der Schule skulptural zum Leuchten.
Brandts Schriftzug ist schwungvoll, dynamisch, abstrahiert; Vor- und Nachname entziehen sich ohne Vorwissen der Lesbarkeit. Die exzentrische Signatur jenes Mannes, der als Herbert Ernst Karl Frahm geboren wurde und 1933 Willy Brandt als Decknamen angenommen hatte, um der Verfolgung durch die Nationalsozialisten zu entgehen, löste in der Vergangenheit mehrfach Irritationen aus. Eine mit der Unterschrift versehene Informationstafel im schulischen Vorgängerbau führte zu Nachfragen und Beschwerden. Die vorgeblich „arabischen Schriftzeichen“ erhitzten die Gemüter – ein Missverständnis, das Wilfling dazu bewogen hat, die verstörende Wirkung einer Signatur
aufzugreifen. Er positioniert den Brandt-Schriftzug via Blow-up Verfahren in markanter Dreidimensionalität auf dem Vordach des Haupteingangs der Schule. Willy Brandt signiert gleichsam das von HASCHER JEHLE Architektur geplante Gebäude, verleiht ihm eine Aura des Offiziellen, Verbindlichen. Wilflings Grundgedanke für die Arbeit „Die Unterschrift des Willy Brandt“ ist nicht die Lust auf Provokation, vielmehr ein Signal für Toleranz.
In seiner zweiten Installation passt Wilfling eine 16 Meter hohe, hängende und bunt bemalte Skulptur aus Tulipwood in den schachtartigen Lichthof des fünfgeschossigen Gebäudes ein. „Synonym für eine Strecke von einer Fläche zu einem Punkt (coloured version)“ nennt er seinen Eingriff. Es ist eine schlanke, umgedrehte Kegelform, bestehend aus 16 jeweils ein Meter großen, mit Ölfarbe bunt bemalten Teilstücken. Optisch fühlt man sich an einen monumentalen Mikado Stab erinnert oder einen ebensolchen, exakt gespitzten Buntstift, der sich von den Holzeinbauten und weiß gestrichenen Architekturelementen deutlich abhebt und in jedem Geschoss andere (Farb-)Eindrücke gewährt. Das übergroße und zugleich zarte Gebilde vereint alle Stockwerke und akzentuiert mit seiner punktgenauen Setzung den klar strukturierten Raum. Suggeriert durch seine Farbkarten- Ästhetik Wärme, Vitalität und Fantasie.
Der dritte Teil von Wilflings künstlerischer Bespielung, „Signaturendrehschreibe“, ist eine polierte, konvexe und drehbare Edelstahlscheibe, die alle Schüler:innen einlädt, mit farblich unterschiedlichen Permanent-Markern ihre Unterschriften zu hinterlassen. Mit den Jahren entsteht so ein grafisch-verdichtetes, vielfarbiges Bildnis der Namen. Markus Wilflings interaktive Installation erfüllt den Beuys’schen Anspruch, wonach jeder und jede Künstler:in sei und fördert zudem die Identifikation mit dem Schulhaus, in das man sich einschreiben kann, verewigen, aber eben analog und nicht in der Pixelwelt. Hand, Farbe, Form: Alle drei Arbeiten verschränken sich zu einem künstlerischen Statement für die (menschliche) Vielfalt, das Individuelle, für Aufgeschlossenheit.
Kontext
Das Kunstprojekt „Zwischen Punkt, Strich und Duktus “ des österreichischen Künstlers Markus Wilfling wurde 2020 im Rahmen eines Kunst am Bau-Wettbewerbs für den Neubau der Willy-Brandt-Gesamtschule und FOS Nord für Sozialwesen und Gesundheit von der Kommission für Kunst am Bau und im öffentlichen Raum zur Realisierung empfohlen. Für die sechszügige Gesamtschule mit einem zusätzlichen Mittelschulzug nach dem Münchner Lernhauskonzept sowie die dreizügige FOS Nord für Sozialwesen und Gesundheit mit gemeinsam genutzter Mensa und neugestaltetem Außen- und Freisportbereich realisierte der Künstler ein dreiteiliges Werk, das sowohl über dem Haupteingang, an der Außenfassade sowie im Lichthof des Schulgebäudes angebracht wird.