WETTERSCHAU
Stiftung Freizeit
2025
öffentlich zugänglich
Josef-Wirth-Weg 11, 80939 München
Verzinkter Stahl, pulverbeschichtetes Lochblech, Antriebsriemen
Architektur: N-V-O Nuyken von Oefele Architekten und Stadtplaner, München
Landschaftsarchitektur: BL9 Landschaftsarchitekten, München
Fotos: Henning Koepke
Text: Judith Csiki
Mit WETTERSCHAU realisierte die Stiftung Freizeit an der neu errichteten Kinderkrippe am Josef-Wirth-Weg ein Kunst am Bau-Projekt, das die Leitideen des Gebäudes – Nachhaltigkeit, Energieeffizienz und pädagogische Offenheit – in eine prägnante visuelle Sprache überführt. Die Arbeit erweitert sowohl den architektonischen als auch den sozialen Raum der Einrichtung.
Auf der Holzfassade entfaltet sich eine Sequenz von fünf Piktogrammen – Sonne, Wind, Wolken, Regen und Schnee. Gefertigt aus farbig pulverbeschichtetem Lochblech und in reduzierter, kindgerechter Formensprache gehalten, sind sie auf einem Schienensystem montiert und lassen sich mithilfe von Handkurbeln vertikal verschieben. Die Schienen sind in zwei Ebenen unterteilt, wobei sich unten das Reservoir aus möglichen Wetterkonstellationen befindet, aus dem sich das tatsächliche Wetter speist, indem die entsprechenden Symbole nach oben gekurbelt werden. Dort – oberhalb einer Horizontlinie – befindet sich ein großer Pfeil mit der Aufschrift WETTERSCHAU.
Das Werk lädt also auf vielfältige Weise dazu ein, mit den Kindern in eine erste Kommunikation über das, was uns umgibt, einzusteigen. Dabei können anhand der Horizontlinie Phänomene wie Sonnenauf- und -untergang angesprochen und ins Bild gesetzt werden, aber auch Skalierbarkeit etwa in Bezug auf die Stärke des Windes, die nach oben hin zunimmt. Außerdem ist das Überlappen mehrerer Symbole möglich. Das tägliche Beobachten des Wetters wird so zu einem Akt des bewussten Sehens und Wahrnehmens mit allen Sinnen und zu einer performativen Handlung, die als gemeinschaftsstiftendes Ritual Situationen des Übergangs strukturieren kann: Kinder, Eltern und Betreuungspersonen gestalten eine wechselnde Komposition, die den Moment sichtbar macht und ein Gefühl für Gleichzeitigkeit, graduelle Unterschiede und Wandlung entstehen lässt.
Durch seine Struktur beinhaltet das Werk WETTERSCHAU mehrere kommunikative Dimensionen. Die klaren Symbole ermöglichen Kindern, Eindrücke nonverbal auszudrücken – eine grundlegende Form des Dialogs, die in frühpädagogischen Kontexten hohe Bedeutung besitzt. Die weithin sichtbare Anbringung der Symbole adressiert zudem die Nachbarschaft und bettet so die Krippe in ein größeres soziales Gefüge ein. Verstärkt wird dies durch die Lesart des zweiten Wortteils im Titel als Imperativ: „Schau!“. Es gibt wohl nur wenige Verben, die in der frühkindlichen Entwicklung häufiger benutzt werden – von Kindern sowie sämtlichen erwachsenen Bezugspersonen – als die Aufforderung zu schauen, also etwas wahrzunehmen, das als bedeutsam empfunden wurde. Gefühle der Zugehörigkeit und Wirksamkeit entstehen dadurch, sofern es vom anderen nicht als irrelevant weggewischt wird. Schlussendlich lässt sich die Kommunikation mit den älteren Kindern erweitern hin zur symbolischen Darstellung von Gefühlszuständen, wie sie sich auch in Redewendungen wie etwa „ein Gesicht wie drei Tage Regenwetter“ oder „ein Sonnenschein“ und „durch den Wind sein“ ausdrücken.
WETTERSCHAU bewegt sich zwischen konkreter Kunst, konstruktiver Zeichenästhetik und Ansätzen der sozialen Plastik. Die reduzierte Formensprache knüpft an minimalistische Ordnungssysteme an, wird hier jedoch in einen alltagsbezogenen und partizipativen Kontext überführt. Damit steht das Werk exemplarisch für ein zeitgenössisches Verständnis von Kunst am Bau: kein dekoratives Beiwerk, sondern ein offenes, sinnlich erfahrbares System, das zur Nutzung aktiviert. Mit WETTERSCHAU schafft die Stiftung Freizeit einen Erfahrungsraum, in dem Klima, Wahrnehmung und symbolische Kommunikationsformen gleichermaßen präsent werden. Das Projekt verbindet spielerische Leichtigkeit mit konzeptueller Tiefe und bildet eine Schnittstelle zwischen kindlicher Neugier und erwachsener Reflexion.
Kontext
Das QUIVID-Werk „WETTERSCHAU“ der Stiftung Freizeit wurde im Zuge des Neubaus einer Kinderkrippe mit drei Gruppen am Josef-Wirth-Weg 11 im 12. Stadtbezirk Schwabing-Freimann realisiert. Das interaktive Kunstwerk wurde an der Außenfassade des zweistöckigen Bauwerks in Massivholzbauweise angebracht. Es fungiert sowohl als bespielbares Objekt im Alltag der Krippe als auch als identitätsstiftendes Signet, das in die umliegende Nachbarschaft ausstrahlt. Das Künstler:innenkollektiv Stiftung Freizeit wurde im Jahr 2022 auf Grundlage einer von der Kommission für Kunst am Bau und im öffentlichen Raum erarbeiteten Vorschlagsliste ausgewählt und eingeladen, ein ortsspezifisches Kunstwerk für dieses Bauvorhaben zu entwickeln und umzusetzen.