SALON DER GEZEITEN

Judith Albert & Gery Hofer

2026

öffentlich zugänglich

Maria-Nindl-Platz, 81927 München

Begehbares Wasserspiel, ∅ ca. 900 cm
Bestehend aus drei Chesterfieldsofas aus schwarzem Granit Labrador Emerald Pearl, Brunnenboden aus Granit Rosso Balmoral, Mond aus GFK mit LED Beleuchtung, Wassertechnik

Landschaftsarchitektur: TERRA.NOVA Landschaftsarchitektur

Fotos: Visualisierungen: Studio Judith Albert

Text: Lydia Korndoerfer

SALON DER GEZEITEN
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SALON DER GEZEITEN

Das menschliche Dasein ist fragil – in existenzieller und emotionaler Hinsicht. Es braucht Orte des Rückzugs, der Geborgenheit, des Austauschs, der Verbundenheit und des Träumens. Ein solcher ist mit dem „SALON DER GEZEITEN“ im Prinz-Eugen-Park entstanden. Im übertragenen Sinne hat das Studio Judith Albert die heimische Sofagarnitur hinaus ans Meer gerückt: Auf dem Maria-Nindl-Platz überlagern sich nun die vertraute Umgebung des eigenen Wohnzimmers und die Sehnsucht nach unmittelbarer Naturerfahrung. Ungewohnt gemütlich wirkende Stadtmöbel aus Granit laden unter freiem Himmel zum Verweilen ein – ein Dreisitzer, ein Zweisitzer und ein Sessel im Chesterfield-Stil. Ein kreisförmiges Mosaik, das sich wie ein Teppich aus weißen und roten Granitfliesen nahtlos in die Platzgestaltung einfügt, rahmt die Sitzgruppe und stellt den Bezug zur Münchner Innenstadt her, denn der rote Rosso Balmoral findet sich auch vor dem Dom auf dem Frauenplatz.

Das Wasserspiel verweist in vielerlei Hinsicht auf das Schaffen der Künstlerin, das neben Video und Zeichnung auch Skulpturen und Kunst-am-Bau-Projekte umfasst. Albert scheint immer wieder durch die Fähigkeit norditalienischer Bildhauereiwerkstätten inspiriert, mächtigen Gesteinsvolumen die Anmutung weicher Stofflichkeit zu verleihen. Ihre steinernen Sofas sind zwar aus einem digital gesteuerten Prozess hervorgegangen – es wurden 3D-Scans realer Sitzmöbel angefertigt, daraus digitale Modelle entwickelt und jene schließlich mittels CNC-Fräsen aus massiven Steinblöcken herausgearbeitet – doch folgte darauf monatelange Handarbeit, um die Illusion einer ledernen Polstergarnitur zu schaffen.

Auch die Positionierung der begehbaren Skulpturen im „SALON DER GEZEITEN“ erinnert an das erzählerische Potenzial und das Set-Up der Videoarbeiten, die die Künstlerin seit den 1990er Jahren entwickelt. Die Sofas sind einander zugewandt aufgestellt, sodass sich in ihrer Mitte eine Bühne ergibt, die nach Belieben bespielt werden kann. Ähnlich statisch bleiben Kamera und „Bühnenbild“ häufig in Alberts Videos; allein die Protagonist:innen – oft die Künstlerin selbst oder die Natur – befinden sich in Bewegung, wie beispielsweise in „LIVINGROOM“. Im Video filmte sich die Künstlerin 1998 dabei, wie sie ihr Bett in einem Schwimmbecken unter Wasser einrichtet.

Wenn man als Protagonist:in die „Bühne“ des „SALON DER GEZEITEN“ betritt, sich auf eines der Sofas setzt, kommt man ebenfalls mit Wasser in Kontakt und kann beobachten, wie es aus der Mitte der Installation etwa 15 Zentimeter hoch aufsteigt und wieder versiegt, während man die Füße in die künstliche Brandung hält. Der Rhythmus von Kommen und Gehen ist einem der ältesten Wasserspiele der Welt nachempfunden: dem ewigen Wechsel von Ebbe und Flut. Auch der dunkle Granit, Labrador Emerald Pearl, mit seinen blauen Einschlüssen wurde davon geprägt. Er stammt aus einem Steinbruch im norwegischen Larvik, direkt am Meer.

Mitten in München-Bogenhausen erinnert das Studio Judith Albert nun daran, dass wir dem Zyklus der Gezeiten – ob zu Hause oder an der Küste – nicht entgehen können. Darauf verweist auch der künstliche Mond über der Sitzgruppe: Er leuchtet auf, wenn das Wasser steigt und erlischt, sobald es sich zurückzieht.

Im „SALON DER GEZEITEN“ darf gespielt, gelacht, gelesen, gegessen, musiziert und diskutiert werden – etwa darüber, was es bedeutet, wenn der Mensch sich die Welt zum Wohnzimmer macht und doch nie ganz in ihr zu Hause ist. Denn das Werk verweist schließlich auf das sensible Verhältnis zwischen Mensch und Natur, das sich nicht zuletzt in sich wandelnden Wasserständen ausdrückt – von Trockenheit bis hin zu Überschwemmungen.

Kontext

Das Kunst-am-Bau-Projekt „SALON DER GEZEITEN“ von Studio Judith Albert wurde im Rahmen der Gestaltung des Maria-Nindl-Platzes realisiert. Seit 2016 entsteht auf dem ehemaligen Kasernengelände Prinz Eugen Park ein neues Wohnquartier mit dem Maria-Nindl-Platz als zentralem Quartiersplatz. Hier befinden sich der Bürger- und Kulturtreff „Neue Ziegelei“ sowie Gebäude mit Nahversorgung, Gastronomie, Dienstleistung und Wohnungen.
Vor der Gestaltung des Platzes wurde eine Bürgerbeteiligung durchgeführt. Basierend auf den Wünschen und Anregungen der Bewohner:innen entwickelte das Landschaftsarchitekturbüro TERRA.NOVA ein Gestaltungskonzept, das den Bürgerwunsch nach einem Wasserelement berücksichtigte.
Bei einem Wettbewerb mit fünf Künstler:innen, jeweils in Zusammenarbeit mit einer Brunnenbaufirma, wurde 2022 der Entwurf von Judith Albert von der Kommission für Kunst am Bau und im öffentlichen Raum zur Realisierung empfohlen. Die Umsetzung des Kunstwerks wurde vom Münchner Stadtrat 2024 beschlossen. Die Platzgestaltungsmaßnahme inklusive der Bepflanzung wird voraussichtlich Anfang 2027 fertiggestellt.

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