Salomonische Säule

Karin Sander

2025

auf Anfrage zugänglich

Berufschulzentrum Luisenstraße 9-11, 80333 München

Klinkerziegel, Schamottsteine, Mineralwollschale, feuerverzinkter Stahl, Steigleiter, Befeuerungsanlage für Lehrzwecke, Schornstein: 600 x 90 x 90 cm

Architektur: V-Architekten, Köln

Landschaftsarchitektur: Adler und Olesch, München

Fotos: Stefan Müller-Naumann

Text: Dr. Martin Seidel

Salomonische Säule
Salomonische Säule
Salomonische Säule
Salomonische Säule
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Salomonische Säule

„Nähmaschine trifft Regenschirm auf Seziertisch“ ist die surrealistische Metapher dafür, was Kunst sich an Freiheit so alles herausnehmen kann und darf. Das Kunst am Bau-Werk von Karin Sander für das Städtische Berufsschulzentrum für das Bau- und Kunsthandwerk in der Luisenstraße der Münchner Maxvorstadt kreuzt zwar nicht Nähmaschine und Regenschirm. Doch ist auch die Backsteinsäule, die sich auf dem Dach der Schule rot und mit robuster Grazie sechs Meter in die Höhe schraubt, nicht das, was man auf einem Gebäude der funktionalen und sachlich geprägten Münchner Nachkriegsarchitektur erwartet. Große Fensterfronten, klare Gliederung der Flächen, Flachdach auf der architektonischen Seite und die historisierende Optik der windungsreichen Mauerwerkssäule auf der künstlerischen Seite gehen weit auseinander. Man muss nicht unten auf der Straße stehen und, den Kopf im Nacken, lange rätseln. Es wird schnell klar, dass dieses Gebilde eine künstlerische Intervention ist, die nicht wirklich mit der Architektursprache und der Haustechnik, stattdessen aber etwas mit der Nutzung des Gebäudes als Schule für Bau- und Kunsthandwerk zu tun hat. Denn dort lernen die Maurerinnen und Maurer ihr Handwerk, und seit Neuestem auch die Kaminkehrerinnen und -kehrer. Und so wird die Säule sowohl von ihrer Form als Schornstein als auch von ihrem Schmuckmauerwerk her zum Logo und identitätsstiftenden Symbol der Schule und ihrer Nutzerinnen und Nutzer.

Logo- und Identitätsbildung sind Grundanforderungen an Kunst am Bau. Karin Sander, die auf dem Gebiet ‚Kunst und Architektur‘ große Expertise, Erfahrung und besondere Erfindungsgabe auszeichnen, bleibt an dieser Stelle nicht stehen. Das zeigt sich, von Zeit zu Zeit, in den spektakulären Augenblicken, in denen die angehenden Kaminkehrerinnen und kehrer der mit Steigleiter versehenen Skulptur in aller Öffentlichkeit auf den Ziegelleib rücken und die praktische Bewandtnis dieser Kunst erkennen lassen. Denn wie die Lehrkamine im Innern des Gebäudes ist auch diese Kunstsäule für Schulzwecke zu gebrauchen.

Aber sie ist noch mehr: nicht nur Lehrkamin, sondern auch eine spiralförmig gedrehte ‚Salomonische Säule‘. Mit dieser zweiten Eigenschaft spannt die Künstlerin einen großen Bogen vom Jerusalemer Tempel Salomos über die Säulen des Baldachin-Ziboriums im Petersdom in Rom hin zu entsprechend gemauerten Schornsteinen des 19. und 20. Jahrhunderts. Als solitäre Skulptur, deren Wesen, Gestalt, Form, Material und Technik über das hinausgehen, was zum Üben nötig ist, wird die Säule wieder zu dem, was sie als traditionelles Architekturelement immer war: ein Hoheits- und Würdesymbol, das sich hier als nostalgisch verspieltes Zierelement ohne funktionelle Notwendigkeit um die eigene Achse windet. Der aus der Solidität des Materials und aus der Bewegung der aufsteigenden Linien gewonnene Ausdruck von Dynamik überträgt sich als Appell auf die Berufsschülerinnen und -schüler. Das vitale Muster der ebenso kraftvoll wie geschmeidig emporrankenden Linien beruht auf jahrtausendealten Gestaltungsprinzipien von Kunst und Architektur und kommt tief in der menschlichen Wahrnehmung wurzelnden ästhetischen Bedürfnissen entgegen.

So ist die Kunst am Bau-Säule von Karin Sander Vieles: Ding des Gebrauchs und Zeichen des Ansporns. Darüber hinaus ist sie ein skulpturales Werk von Rang, das Ruhe und Bewegung ausbalanciert und in der Betriebsamkeit des Münchner Stadtraums zwischen Hauptbahnhof und Königsplatz einen markanten künstlerischen Akzent setzt.

Kontext

Die in Berlin lebende Künstlerin Karin Sander wurde im Rahmen eines Kunst am Bau-Wettbewerbs eingeladen, einen künstlerischen Entwurf für die Generalinstandsetzung der Bauteile E und F des Berufsschulzentrums in der Luisenstraße 9–11 im Münchner Stadtbezirk Maxvorstadt zu entwickeln. Die umfangreichen Sanierungs- und Umbaumaßnahmen des Gebäudekomplexes reagieren auf bestehende strukturelle und energetische Mängel und bilden den räumlichen und funktionalen Hintergrund der Baumaßnahme. Das Kunstprojekt „Salomonische Säule/Lehrkamin“ wurde 2019 von der Kommission für Kunst am Bau und im öffentlichen Raum zur Realisierung empfohlen. Die von Karin Sander 2025 realisierte, sechs Meter hohe Backsteinsäule auf dem Dach der Berufsschule ist dabei zugleich künstlerische Intervention und voll funktionsfähiger, begehbarer Lehrkamin für die Ausbildung von Kaminkehrer:innen.

Salomonische Säule
Salomonische Säule
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Salomonische Säule
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