Magic Mary I All Together Now
Benjamin Bergmann
2025
öffentlich zugänglich
Maria-Probst-Realschule und Haus für Kinder, Reutberger Straße 10–14, 81371 München
Magic Mary: Stahl, Farbe, 450 x 300 x 350 cm,
All Together Now: Buchstaben in schwefelgelber Farbe auf Beton, 22100 x 870 x 1000 cm
Architektur: SCHWINDE ARCHITEKTEN, München
Landschaftsarchitektur: mahl gebhard konzepte, München
Fotos: Henning Koepke
Text: Dr. Eva Huttenlauch
„Kunst am Bau“ an einer Schule: tut sich da nicht ein kognitiver Widerspruch auf, den es auszudeuten gilt, erwägt man den inneren Gegensatz im Wesen von Kunst und Schule sinngemäß? Ist die Schule nicht Ort wissenschaftlicher Eindeutigkeit, präformierter Lehrinhalte, musterhafter Schemata? Umgekehrt steht es mit der Kunst. Sie kommt in jedem Werk neu daher, frei, einzigartig, vorbildlos. Da sie konstitutiv ganz auf Eigenem gründet, verweigert sie sich Normen und Verschulung.
Medium jeder Kommunikation ist Sprache. Die der Worte bedient sich affirmativ fester Begriffe; ihre Verschriftlichung arbeitet mit fixen Typen, den Lettern. Vermittlungsort ihrer Regelhaftigkeit ist die Schule. Neben der Wortsprache leben aber auch die Sprachengeschwister von z. B. Musik, Gesten, Bildern. Deren Ausdrucksgehalt ist immer vieldeutig und bestimmungsoffen. Denn was objektive Zahlen und Begriffe versagen, fordern umgekehrt die Bilder ein: die subjektiv-persönliche Antwort auf das enthaltene Fragezeichen nach dem Gemeinten.
Vor dem geistigen Hintergrund dieser komplexen Dialektik gestaltet Benjamin Bergmann sein Werk für die Realschule in der Reutbergerstraße. In deren Treppenhaus platziert er in monumentalen Ausmaßen gelbfarbenen leuchtenden Lettern. Es sind für die Lernenden zunächst die Typen ihres schulischen Alltags, jedoch erhöht zu Überlebensgröße, wobei ihr leuchtendes Gelb wie auch die humanistischen Antiqua-Versalien Beachtung herausfordern. So zu wertiger Bedeutung erhoben, stehen sie zunächst jede für sich, solitär erhaben über wortbedingte Dienstbarkeit. Sie bestehen eigenmächtig, autonom als selbständige Gestalten: als sinnleeres Buchstabenzeichen nichtssagend wie auch, als Symbol aufgefasst, vielsagend. Als symbolsprachliche Figuren in freiformaler Abstraktheit bewirken sie im fragenden Gegenüber assoziative Gedankenverbindungen an Literatur, Dichtung, römische Majuskelinschriften – es gibt keine Grenzen für gedankliche Rückstrahlungen, von denen keine falsch sein kann, weil alle im Zwiegespräch zwischen Kunstwerk und rezipierendem Verstehen richtig sind – unerschöpflicher Möglichkeitsraum für Fantasie und Bildungsinhalte.
Nach ihrem hintergründigen Sondersinn werden Betrachtende jetzt suchen. Der angeregte Wissensdrang prüft, wie aus dem Segmentellen ein Erlebniszusammenhang herzustellen, die Inseln zum Kontinent zu verbinden seien. Sie entschleiern das Geheimnis, dass Buchstaben im Schriftkontext etwas bedeuten, was nicht sie selbst sind. Standen sie einzeln für ein Phonem, finden sie als Kettenglieder mentale Ergänzung jenseits ihrer abstrakten Erscheinung. Ihr ästhetisches Bild verbindet sich mit inhaltlicher Mission – hier mit einem Appell, der wie jedes Kunstwerk jenseits reiner Anschaulichkeit auf eine neue Botschaft zielt. Sie zu entschlüsseln bedeutet bewusstes Erleben.
Die Botschaft zeigt, wie in harmonische Ordnungen eingebundene Systeme, hier sinnbildlich für Schule, nur Bedeutung bekommen, wo sie als freie Möglichkeiten innerhalb eines umfassenden Ganzen Geltung erlangen; wie sich aus enger technischer Regel (Schule) freie geistige Regung (Leben) entfaltet. Die Kunst überbrückt beide Welten. Das verborgen enthaltene Textzitat, buchstabengenau entschlüsselt, erfordert jedoch eine eigene Interpretation. Deren intendiertes Sinnfeld signalisiert jedoch weithin sichtbar der goldgelbleuchtende Dachaufsatz einer Blume auf der Dachtraufe des Gebäudes: Blumen stehen bildsprachlich seit der Romantik für das Reich des Ideellen. Die Schule ist der allen gemeinsame Ort zur Entwicklung von Intellekt und Vernunft, den Voraussetzungen für eine blühende demokratische Gesellschaft. Den geistigen Freiraum dieses magischen Reiches zu betreten, ruft die Blüte die Lernenden auf.
Kontext
Benjamin Bergmann wurde im Rahmen eines Kunst-am-Bau-Wettbewerbs eingeladen, einen künstlerischen Entwurf für den Neubau einer Realschule mit zwei Lernhausclustern sowie eines Hauses für Kinder an der Reutbergerstraße im 16. Stadtbezirk Sendling zu entwickeln. Seine zwei ortsspezifischen Installationen „Magic Mary“ und „All Together Now“ wurden von der Kommission für Kunst am Bau und im öffentlichen Raum 2022 zur Realisierung empfohlen. Während die Installation „Magic Mary“ an der Außenfassade über der Dachzone der Maria-Probst-Realschule zu schweben scheint, durchdringt die leuchtend gelbe Wandgestaltung „All Together Now“ das Beton-Treppenhaus der Schule vom Keller- bis zum Dachgeschoss. Format, Proportionen und Ausrichtung der einzelnen Buchstaben ergeben sich unmittelbar aus der Architektur des Treppenhauses sowie aus dessen räumlichen Dimensionen und Schrägen. In ihrer abstrahierten Form begleitet die Schrift die vertikale Bewegung der Nutzer:innen und wird damit Teil der täglichen dynamischen Wege durch das Gebäude. Der Neubau der Schule wurde im September 2025 fertiggestellt und in Betrieb genommen. Das Gesamtprojekt ist Teil der Schulbauoffensive.