2025

auf Anfrage zugänglich

Erweiterung Karlsgymnasium, Am Stadtpark 23, 81243 München

Keramik-Emaille auf thermogeformten Platten aus Sicherheitsglas, 730 × 360 × 520 cm
Hersteller: Glasmalerei Peter Studios

Architektur: Holzfurtner und Bahner Architekten und Stadtplaner, München

Landschaftsarchitektur: TRR Landschaftsarchitekten, München

Fotos: Henning Koepke

Text: Quirin Brunnmeier

geCloud
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Solide und fragil zugleich, schwebend und doch fest im Raum fixiert. Im Lichthof des neuen Anbaus des Karlsgymnasiums am Pasinger Stadtpark hat die in Mexiko-Stadt geborene und in Berlin lebende Künstlerin Vanessa Farfán ein vielschichtiges skulpturales Objekt installiert, in dem das natürliche Licht als Arbeitsmittel genutzt wird. Die Installation geCloud entzieht sich einer eindeutigen Lesbarkeit, lässt sich aber zwischen den Polen analog und digital, natürlich und künstlich verorten.

Dabei bewegt sich die Arbeit entlang der Schnittstellen unterschiedlicher materieller, medialer und inhaltlicher Themenkomplexe und lotet deren immanente Ambivalenzen aus. Für die Installation führte Vanessa Farfán zunächst ein fotografisches Bild einer Kumuluswolke digital aus mehreren Fotografien zusammen. Das Motiv ist so manipuliert, dass es weniger als fotografisches Dokument gelten kann, denn als digitale Komposition. Im nächsten Schritt rasterte die Künstlerin dieses Motiv und übersetzte es auf großformatige 100-×-100-Zentimeter-Glasplatten. Diese Module wurden dabei mit Keramik-Emaille bedruckt und anschließend thermogeformt, wodurch eine unregelmäßige Oberfläche entstand. An einem System aus Drahtseilen im neuen Lichthof des Karlsgymnasiums installiert, entsteht so ein schwebendes, fragmentiertes Bild, das in sich dynamisch ist: Es reflektiert und bricht das Sonnenlicht, beeinflusst durch den Einfallswinkel und die individuelle Perspektive der Betrachtenden. Als Ganzes ist diese Wolke kaum zu fassen.

Vanessa Farfán bewegt sich interdisziplinär an den Schnittstellen von Kunst und Wissenschaft. Dabei untersucht sie, wie digitale Logiken unsere Wahrnehmung des Physischen verändern und stellt die Beziehung zwischen den Dimensionen des realen und des digitalen Raums infrage. Ihr Ansatz ist forschend, oft experimentell, aber nie lediglich affirmativ. Das gilt auch für diese Arbeit. Der neue Lichthof im Karlsgymnasium ist von einer modernen, konsequent linearen Architektursprache geprägt: starke Achsen und transparente Flächen erzeugen das Gefühl einer funktionalen Klarheit. Das Bild der Wolke auf Glas nimmt zwar einige dieser Elemente auf, unterläuft aber zugleich deren Logik: Die Installation überschreibt das strenge Raster der Architektur mit einem eigenen, digitalen Raster.
Besonders deutlich wird dies in der Schichtung der insgesamt fünf Glasebenen. Das Druckmuster der Wolke auf den Platten wurde entlang dieser fünf Plattenlagen, die an jeweils einem Stahlträger hängen, schrittweise gedreht, beginnend mit einem Winkel von 45° in der Mitte bis zu einem Winkel von 25° in den Plattenlagen, die den Wänden des Gebäudes am nächsten liegen. Diese graduelle Verschiebung erzeugt einen Moiré- Effekt, der sich je nach Blickwinkel auflöst, verstärkt oder in neue Muster kippt. Diese Interferenzen verunsichern die Wahrnehmung, das scheinbar stabile Bild wirkt fragil, Ordnung und Zufall greifen ineinander. Das Ergebnis ist ein analog erzeugter „Glitch“, eine kontrollierte Störung, die an digitale Kompressionsfehler erinnert und zugleich unmissverständlich materiell bleibt.

Farfán beschreibt diese Vorgehensweise als Arbeit mit „analogen Analogien“. Gemeint ist ein Übertragen digitaler Denkweisen in physische Prozesse, als Spiel und Spiegelung digitaler wie analoger Aspekte. In Gestalt der fragmentierten Wolke vermengen sich diese unterschiedlichen Perspektiven: Eine Wolke ist ein naturwissenschaftliches Phänomen, das genutzte Motiv ein digital komponiertes Idealbild, das wiederum ganz real auf Bildträgern in die Architektur eingefügt ist. Dass man das Werk nicht vollständig erblicken kann und es in sich selbst instabil ist, verstärkt diese Ambivalenzen. Vom Erdgeschoss aus sieht man nur Fragmente, aus dem zweiten Stock erschließt sich die Gesamtform etwas klarer, aber nie endgültig. Auch diese Wolke entzieht sich, wie ihr ephemeres meteorologisches Vorbild, jedem kompletten Erfassen.

Gerade in einer Schule, in der die Naturwissenschaften und die Kunst räumlich eng verzahnt sind, ist dieser Ansatz äußerst relevant. Die Installation bietet keine einfache Projektionsfläche, sondern stellt die Zuverlässigkeit visueller Informationen infrage. Wie werden digitale Modelle in den realen Raum übersetzt und was passiert, wenn diese Prozesse in die andere Richtung ablaufen? Die Arbeit verharrt dabei aber nicht in einer rein kritisch analytischen Haltung. Vielmehr transportiert diese Wolke auch poetische Gedanken zu Vergänglichkeit und der Bewahrung des Schönen. Im Titel schwingt aber auch ein zarter Humor mit: Wer hat hier wem etwas „geCloud“ und warum wurde diese Wolke gerade in diesen Lichthof hochgeladen?

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