CARPE DIEM

Albert Hien

2023

auf Anfrage zugänglich

Oskar-von-Miller-Gymnasium, Siegfriedstraße 22, 80803 München

Neonsysteme, DMX-Lichtsteuerung, 12,5 x 5 x 5 m

Architektur: Braun Architekten, München & Christoph Maas Architekturbüro, München

Landschaftsarchitektur: Realgrün, München

Fotos: Florian Holzherr (und Video)

Text: Bernhart Schwenk

Mit dem lateinischen Motto „CARPE DIEM“, das im Eingangsbereich des sprachlich ausgerichteten Oskar-von-Miller-Gymnasiums als Mosaik in den Fußboden eingelassen ist, empfängt das beeindruckende, 1910/11 im Jugendstil errichtete Gebäude seine Schüler:innen, das Lehrpersonal und Gäste. Die Sentenz „CARPE DIEM“, die man wörtlich mit „Pflücke den Tag“ übersetzen könnte, entstammt den Oden des römischen Dichters Horaz und rät dazu, sich an jedem Tag des eigenen Lebens zu erfreuen und jeden Augenblick als kostbar und unwiederbringlich zu genießen. Der Appell ist auch im hedonistischen Sinne des griechischen Philosophen Epikur zu verstehen, der in der einfachsten Lebensweise die größte Lebensfreude erkannte.

„CARPE DIEM“ verkündet auch die Lichtinstallation von Albert Hien im historischen Turm der Schule – neben sieben weiteren philosophischen Sentenzen über den Umgang mit Zeit: „Tempus fugit“ („Die Zeit flieht“), „AB OVO“ („Von Beginn an“), „TEMPUS VINCIT OMNIA“ („Die Zeit besiegt alles“), „AMICITIA VINCIT HORAS“ („Freundschaft überdauert die Zeit“), „Tota vita DIES UNUS EST“ („Das ganze Leben ist wie ein Tag“), „DIES DIEM DOCET“ („Ein Tag lehrt den anderen“) und „VITA BREVIS ARS LONGA“ („Das Leben ist kurz, die Kunst lang“).

Das Kunstwerk besteht aus zwei unterschiedlich leuchtenden Neonschriftbändern, einem transparenten und einem farbigen, die einander teilweise überlagern. Sie begleiten die Rundungen einer mehr als 16 Meter hohen Wendeltreppe, die sich über mehrere Geschosse nach oben beziehungsweise nach unten windet. Da die einzelnen Leuchtbotschaften unabhängig voneinander ein- und auszuschalten sind, lassen sich mittels einer programmierten „Partitur“ unterschiedliche „Schreib“- bzw. „Lese“-Geschwindigkeiten einstellen und auf diese Weise wechselnde Lichtrhythmen und -stimmungen erzeugen.

Die antiken Sinnsprüche in Neonschrift – nebenbei gesagt: eine aussterbende Technik – erinnern an die Vergänglichkeit des Lebens. Sie haben bis heute an Aktualität nichts verloren, wie beispielsweise das umgangssprachliche Akronym „YOLO“ („You only live once“) belegt. Im Kontext einer Schule sind all diese Weisheiten als Aufforderungen zu verstehen, das große Ganze nicht aus dem Blick zu verlieren und jeden Tag des Lebens als Chance zu begreifen.

Übrigens ist der charakteristische Schulturm, in dessen Innern sich das Lichtkunstwerk „CARPE DIEM“ befindet, mehr als nur ein architektonisches Wahrzeichen für den Münchner Stadtteil Schwabing. Denn auf vier seiner Seiten trägt der achteckige Turm große Ziffernblätter, die weithin sichtbar anzeigen, wie spät es ist. Diese Funktion der Wahrnehmung von Zeit spiegelt sich nun auch im Inneren des Gebäudes. Im Kunstwerk allerdings zeigt sie sich nicht als Richtmaß oder physikalische Quantität, dient weder der Pünktlichkeit noch der Pflichterfüllung. Vielmehr wird die Zeit in „CARPE DIEM“ als bewusster wie bereichernder Erkenntnisprozess sinnlich erlebbar – ob in der Schulzeit oder im Leben danach.

Kontext

Der denkmalgeschützte Gebäudekomplex des Maximilians- und des Oskar-von-Miller-Gymnasiums im Zentrum Schwabings gelegen, ist im Zuge der Schulbauoffensive durch das Baureferat grundlegend saniert und erweitert worden. Neben einer umfassenden Instandsetzung des Bauwerks und einer kompletten Erneuerung der Technik, wurden die beiden Schulen durch einen Fachlehrsaalbau an der nördlichen Hofseite und durch zwei unterirdische Turnhallen erweitert. Der Künstler Albert Hien wurde für das Oskar-von-Miller-Gymnasium aus einer Vorschlagsliste der Münchner Kunstkommission ausgewählt und beauftragt, ein Kunst-am-Bau-Projekt zu entwickeln.