Vom Flüggewerden und Fliegenlernen
Sophie Schmidt
2025
auf Anfrage zugänglich
Haus für Kinder Reichenaustraße 5, 81243 München
Skulptur: Untergrund Epoxidharz, Oberflächenbearbeitung Golden Gesso mit 1/4 Gac 200, Acrylfarbe, Tusche, Golden MSA Firnis, 220 x 250 x 60 cm,
Wandmalerei "Schlafende Tauben beim Träumen": Acrylfarbe mit Transparentlack, 350 x 600 cm
Wandmalerei "Vom Flüggewerden und Fliegenlernen": Acrylfarbe mit Transparentlack, 260 x 800 cm
Architektur: Spreen Architekten, München
Landschaftsarchitektur: Wankner + Fischer, Eching
Fotos: Florian Holzherr
Text: Julia Wittmann
Aktuelle Forschungen deuten darauf hin, dass Tauben träumen, wahrscheinlich vom Fliegen. Die intelligenten und sozialen Tiere dienten einst als Boten- und Ziervögel. Heute prägen sie das Stadtbild, werden aber trotz ihrer Allgegenwart oft unterschätzt. Die Künstlerin Sophie Schmidt erkennt in den Tauben kosmopolitische Spielgefährt:innen und macht sie zu Akteur:innen in ihrem Werkkomplex Vom Flüggewerden und Fliegenlernen für das Haus für Kinder im Münchner Stadtbezirk Aubing-Lochhausen-Langwied. Gemeinsam mit weiteren Vögeln wird die Taube zum Motiv einer Skulptur im Außenraum sowie zweier Wandmalereien im Eingangsbereich der Kita – Kunst, die die kleinen Betrachter:innen beim Wachsen und Lernen begleitet.
Mit leicht ausgebreiteten Flügeln, gebettet auf einem weichen Boden, ruht ein übergroßer Vogel im Garten der Kita. Angelehnt an den Korpus einer Taube formte die Künstlerin eine frei modellierte Form, die anschließend in Epoxidharz gegossen und in Blau-, Grün- und Rottönen handbemalt wurde. Die Skulptur lädt die Kinder zum Entdecken ein: Das getupfte Gefieder, die sanft abgeflachten Flügel und die haptische Oberfläche ermöglichen sensorische Erfahrungen und ermutigen zur körperlichen Annäherung. Die Taube ist eine Spielgefährtin, die aktiviert werden darf. Auf ihrem Rücken kann gerutscht und geturnt werden, unter ihren Flügeln ist Platz zum Verstecken und Ausruhen.
Das Motiv der gefiederten Stadtbewohner:innen findet sich auch in den beiden Wandmalereien im verglasten Eingangsbereich der Kita wieder. Unterhalb der Treppe zum ersten Stock ist eine Ansammlung von rundlichen Farbkreisen zu erkennen, die auf den ersten Blick wie abstrakte Formen wirken. Assoziationen von Herbstblättern oder Herzen kommen auf und regen die Betrachter:innen zum Fantasieren an. Die spitz zulaufenden Schnäbel geben schließlich den richtigen Hinweis: Die Malerei zeigt zahlreiche Tauben, eng aneinandergerückt – ob sie schlafen und vom Fliegen träumen?
Ihnen gegenüber erzählt die zweite großformatige Wandarbeit eine dynamische Transformationsgeschichte. Rechts im Bild fügen sich schwirrende, bunte Linien zu einem dichten Muster zusammen. Ein grüner Vogel mit nach oben gestrecktem Bein und aufgefächerten Flügeln bildet den Ausgangspunkt dieser kleinteiligen, vielschichtigen Malerei. Feine Striche und farbige Flächen formen eine fantasievolle Abfolge von Vögeln, die über die Wand zu tanzen und zu fliegen scheinen. Die Künstlerin greift in diesem vor Ort entstandenen Wandbild Formen aus der unmittelbaren Umgebung der Kita auf. Eichenblätter aus dem Garten und sogar eine Mücke, die sie während des Entstehungsprozesses begleitete, finden sich hier wieder. Ein fließender Übergang zwischen Innen- und Außenraum entsteht.
Die Arbeiten der Werkserie werden in einer Performance mit der Künstlerin aktiviert. Gemeinsam mit und für die Kinder erkundet sie Skulptur und Wandmalereien spielerisch. Die Teilnehmer:innen sind eingeladen, Formen nachzuahmen und Details zu entdecken. Die Skulptur darf erklommen und soll auch als Körperweiterung erlebt werden – ein Konzept der Künstlerin, das sie als hybride, utopische Verbindung von Mensch und Natur versteht, welche die Trennung von Denken und Fühlen aufheben kann. Nicht nur während der Performance, auch im Kita-Alltag sind die kleinen Besucher:innen dazu eingeladen, Sophie Schmidts Werke zu erkunden. Die Vögel begleiten die Kinder in ihrem persönlichen Transformationsprozess, bis sie schließlich alt genug sind für den nächsten Schritt.
Kontext
Das dreiteilige Kunstwerk „Vom Flüggewerden und Fliegenlernen“ der Künstlerin Sophie Schmidt entstand für den Neubau des Haus für Kinder an der Reichenaustraße 5 im 22. Stadtbezirk Aubing-Lochhausen-Langwied. Das Projekt ist Teil der Ausbauoffensive Kindertagesstätten. Der in Holzbauweise errichtete Neubau bietet Platz für vier Krippen- und drei Kindergartengruppen sowie eine Hortgruppe. Das architektonische Konzept setzt Innen- und Außenräume in enge Beziehung und soll den Kindern ein naturnahes Spielen und Lernen ermöglichen. Daran anknüpfend entwickelte die Künstlerin zwei Wandgestaltungen im Eingangsbereich sowie eine Skulptur im Außenraum. Die Arbeiten begleiten den Übergang von Innen nach Außen und sind auch inhaltlich miteinander verbunden. Die Künstlerin wurde 2023 von einer durch die Kommission für Kunst am Bau und im öffentlichen Raum erstellten Vorschlagsliste für das Projekt ausgewählt und eingeladen, ein ortsspezifisches Kunstwerk für das Bauprojekt zu realisieren.